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Vom Fallen und Fliegen

Nov 26, 2014

Ich bin verliebt.
Verliebt in dieses kurze Gedicht:
Imgur
Ich las es und war elektrisiert. Wortaffine Menschen kennen das vielleicht: Dieses ganz spezielle Gefühl, diese Vibration, die manchen Worten innewohnen, die nicht nur Wörter sind, sondern Augenfesseln und Herzberührer. Wirklich, haltet mich für seltsam und vergeistigt, aber jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht lese, berührt es mich unglaublich tief. Ich möchte weinen vor Freude über so wenige Worte, die mich so sehr treffen und zu mir sprechen, wie diese Zeilen es können.
Damit bin ich nicht allein, Erins Worte sind mittlerweile ein Tumblr- und Pinterest-Phänomen und ihr könnt sie jetzt gern die englischsprachige Julia Engelmann nennen, die mit Postkartensprüchen Millionen von Shares anhäuft, aber ich finde das Gedicht trotzdem wunderwunderschön.
Es ist nicht lang und es ist sehr simpel, aber es trifft. Mich zumindest. Mitten ins Herz.
Mein sehr geschätzter Kafka sagt es so grandios: >Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Und obwohl es sich hier nicht um ein Buch handelt, brechen in mir ganze Eisschichten, wenn Erin Hansons Worte meine Augen streicheln. Ich möchte so gern “Danke!” sagen oder “Du hast so recht!”, aber Erin würde das wohl nicht hören, egal wie laut ich schreie. Deswegen erzähle ich jetzt einfach euch, was mir an diesem Gedicht so das Herz aufreißt.

Ich bin ein elendiger Angsthase. Gleichzeitig bin ich eine sehr, sehr mutige Löwin und das verträgt sich oft nicht.
Irgendwann einmal schenkte mir meine Familie ein Einrad. Ich hatte mir ein Einrad gewünscht und freute mich unheimlich, wollte gar nicht warten, es sofort ausprobieren. Ich lief also mit meinem neuen Einrad auf die Straße vor dem Haus meiner Großeltern, in meinem kleinen Dorf geht so etwas, ohne nach rechts und links zu schauen, und wollte Einrad fahren. Das Problem daran ist: Einradfahren ist schwer. Einradfahren ist nichts, was dir in die Wiege gelegt wird, nichts, was du eines Tages plötzlich kannst, ohne dich davor je damit beschäftigt zu haben. Einradfahren will gelernt sein, und so begann ich zu üben. Vorsichtig, langsam, der Asphalt der Straße vor dem Haus meiner Großeltern ist rau, von der Sorte, die deine Knie sofort aufreißt, wenn du fällst. Und ich wollte nicht fallen. Auf keinen Fall fallen, zu viel Angst vor aufgeschürften Knien.
Aber ich bin ehrgeizig, hinter all dem “Oh nein, das wird weh tun!” knurrt meine innere Löwin mir doch immer ins Ohr “Aber du kannst das!”. Und ich konnte.
Plötzlich, ohne zu wissen, warum, nach gefühlten vierhundert Anläufen, fuhr das Einrad nicht unter mir davon, sondern ich mit ihm. Meine Mutter lacht heute noch, wenn sie davon erzählt.
Ich muss ausgesehen haben wie ein Reh im Scheinwerferlicht: Der Inbegriff der Schockstarre. Das Problem dabei ist, dass Einradfahren und Schockstarre sich nicht besonders gut vertragen und ich fiel. Ich fiel und meine Hände und Knie waren aufgeschürft am rauen Dorfasphalt und ich verstand gar nicht richtig, was gerade passiert war.
Meine Mutter lachte und sagte “Da hatte wohl jemand Angst vor der eigenen Courage!” und hatte recht. Wie immer.
Jeder von uns hat Angst vorm Fallen, niemand von uns will sich wehtun. Außer natürlich, ihr steht auf sowas, das ist auch okay.
Aber alles ist Fallen, alles ist Fliegen. Es gibt nicht eins ohne das andere und das ist gut so. Nur häufig ist die Angst vorm Fallen, vorm Scheitern, vorm Verletzt-Werden so groß, dass wir den Moment verpassen, in dem wir loslassen sollten, um unsere Flügel auszubreiten - um zu fliegen.
Danke Erin, dass du mich daran erinnert hast, auf meine innere Löwin zu hören. Danke, dass du mir Wind unter meine Flügelchen gepustet hast. Danke für dieses unwahrscheinlich schöne Gedicht.

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