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'Da musst du drueber stehen.' oder auch: Ein Haufen Mist // 'Get over it.' or A load of bullshit

Jul 3, 2014

Es gab ja nun schon laenger keinen Aufrege-Post mehr von mir, aber neulich las ich auf Facebook eine dermassen abstossende und mich in ihrer Ignoranz schockierende Folge von Kommentaren, dass ich dazu einfach mal meinen Senf abgeben musste.
Bei besagten Kommentaren ging es um Mobbing. Meiner Meinung nach ein Modebegriff, der heute viel zu leichtfertig durch die Gegend geworfen wird. Trotzdem: So lange es keine achtjaehrigen, verwoehnten Blagen sind, die sich von ihrem Lehrer “gemobbt” fuehlen, wenn dieser ihnen eine “unfaire” Note (bzw. keine Eins) gibt, ist Mobbing ein ernsthaftes Problem.
Das sahen einige Kommentatoren in dem bereits erwaehnten “sozialen” Netzwerk allerdings ganz anders. Ihrer Ansicht nach sei Mobbing die verdiente Strafe fuer Menschen mit zu geringem Selbstbewusstsein, die sich selbst in eine Opferrolle draengten.
Ich haette, ehrlich gesagt, zuerst fast gelacht und dann fast geweint, als ich diese kalten, ignoranten Worte las. Das Thema Mobbing geht mir nahe, denn, ganz ehrlich, ich war in meiner Schulkarriere durchaus in Situationen, die man als “Mobbing” bezeichnen koennte und kenne viele Menschen, denen es ebenfalls so ging.
Ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber ich selbst wuerde mich als sehr selbstbewussten und in den meisten Situationen extrovertierten Menschen bezeichnen. Das war eigentlich schon immer so, ich war schon immer die mit der grossen Klappe, die am Lehrerzimmer anklopfen musste, wenn sich die anderen nicht trauten. Ich war nie die Allerbeliebteste der Schule, aber ich hatte immer einen engen Freundeskreis und kam eigentlich mit jedem gut aus. Warum ich euch das erzaehle? Weil sich das alles erst aenderte, als ich, immer noch ein vorlautes und extrovertiertes Maedchen, in die siebte Klasse kam. Warum das so war? Weil ich die sechste Klasse uebersprungen hatte. Das fanden einige Menschen in der neuen Klasse dann wohl doch zu strebsam und erzaehlten von Anfang an, ohne je mit mir gesprochen zu haben, ich sei arrogant, komisch, unsympathisch. Seltsamerweise war das Klima in der Klasse mir gegenueber dann nicht ganz so offen und aufgeschlossen und es dauerte ziemlich lange, bis ich in dieser Umgebung Fuss fassen und Freunde finden konnte. Ich erzaehle das, weil ich zwei Dinge klar machen moechte: Erstens kann jeder, wirklich jeder, in eine Situation wie meine kommen, in der Voreingenommenheit und gewisse Gruppendynamiken entscheidende Rollen spielen. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der bewussten Wahl einer Opferrolle zu tun. Viele meiner heutigen Freunde haben mir erzaehlt, dass sie sich damals gern auf meine Seite gestellt haetten, allerdings nicht selbst in den negativen Fokus der Klasse geraten wollten. Nun frage ich mich: Soll es meine Schuld sein, dass eine vorgebildete Meinung von mir herrschte? Soll ich der Schmied meines eigenen Ungluecks gewesen sein, indem ich eine Entscheidung traf, die meiner Unterforderung in der vorigen Klasse Abhilfe schaffte und die ich bis heute nicht bereue? Nein, denn das ist der zweite Punkt, den ich ansprechen MUSS: Mobbing trifft viel zu haeufig Menschen, die besonders sind. Viele grosse Kuenstler, Unternehmer, Autoren etc. wurden in der Schule gehaenselt, weil sie “anders”, und ja, ich sage das jetzt, nachdem ich von mir selbst gesprochen haben, pardon, besonders waren. Inwiefern also anders? Meine These ist: Sie hoben sich durch ein bestimmtes Talent vom Durchschnitt ab.
Wie haeufig faellt in deutschen Schulen das Wort “Streber”? Wieso hat dieses Wort einen so negativen Klang? Warum werden Menschen, die Besonderes leisten, degradiert? Das Wort “Streber”, aber noch viel mehr die dahinter stehende Kultur, macht mich wuetend. So wuetend, ich kann es euch gar nicht sagen. Mein Bruder, ebenfalls ein ziemlich selbstbewusster, vorlauter Bursche, hoert es mittlerweile genauso haeufig wie ich in meiner Schullaufbahn, und jedes Mal, wenn er beim Mittagessen davon berichtet, moechte ich all jenen, die es verwenden, am liebsten all das hier erzaehlen. Weil ich finde, dass sie es hoeren sollten. Weil ich glaube, dass sie sich nicht bewusst sind, wie unglaublich zweigesichtig ihr Verhalten ist.
speak up
Was ist das fuer eine Kultur, die Leistung so negativ wertet, aber gleichzeitig immer mehr davon fordert? Vielleicht gilt ein dahingeworfenes “Streber” nicht immer gleich als Mobbing, natuerlich gilt es immer, “darueber zu stehen”. Aber warum muessen Kinder, die nichts “Negatives” getan haben, ueber solchen negativen Kommentaren stehen? Ich finde das nicht richtig.
Ich finde es furchtbar, dass bei jeder Kleinigkeit “Mobbing!” geschrien und mindestens ein Elternabend einberufen, in solchen Faellen, wie ich sie gerade beschrieben habe, dann aber “Darueber stehen” zur ultimativen Maxime wird. “Darueber stehen”, sich nicht “zum Opfer machen” - warum muss das jemand tun, der gut in etwas ist?
Warum wird von Menschen, denen die Schule leicht faellt, erwartet, dass sie solch negative Kommentare genauso einfach an sich abprallen lassen koennen? Weil “Kinder nunmal so sind”? Weil Kinder “grausam” sind?
Lasst mich eine Frage stellen: Warum akzeptieren wir grausame Kinder, statt sie zu erziehen? Mir wurde schon sehr, sehr frueh beigebracht, auch mal anderen den Gewinn zu goennen, statt immer gleich das “Mensch-aergere-dich-nicht”-Brett vom Tisch zu fegen. Ist es wirklich so schwer, geradezu unmoeglich, Kindern beizubringen, dass es auch positiv ist, wenn andere etwas leisten?
“Das sind doch noch Kinder…”, hoere ich euch sagen. Ja, und sie bringen langsam aber sicher ihre Mitschueler*innen um. Denn, ob man es nun sehen will oder nicht: Mobbing toetet Menschen. Es toetet sie langsam und schleichend, mit jedem Laecheln, das sie taeglich faelschen, waehrend sie innerlich weinen, weil sie das Gefuehl haben, sich niemandem anvertrauen zu koennen. Wie auch, in einer Kultur, die Gemobbt-Werden als Schwaeche, als Imperfektion, als Fehler des Opfers sieht? Wie soll da jemand den Mut finden, zu sagen: “Hey, mir geht es verdammt schlecht, weil ich jeden Tag aufs Neue degradiert, beleidigt, physisch und psychisch angegriffen werde.”
Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass viele glauben, sie muessten damit allein zurechtkommen, “darueber stehen”. Als sei es ihre eigene Schuld. Jemand anderen in den taeglichen “Kampf” einzubeziehen, gilt als schwach, als petzen, als indirekte Kapitulation.
Und immer wieder sind die Menschen trotzdem verwundert, wenn ein Mobbing-Opfer von der Bruecke springt.
Ich verstehe das nicht.
Warum diese Kultur weiter pflegen, die nicht nur absolut unsozial, sondern lebensgefaehrlich ist? Warum zulassen, dass in einer so oft zitierten “Leistungsgesellschaft” Leistung zu Strafe fuehrt?
Mobbing ist kein kleines und vor allem kein individuelles Problem. Obwohl jede Situation unterschiedlich ist, gilt in meinen Augen immer eines:
Bringt euren Kindern nicht als erstes bei, “darueber zu stehen”, sondern sorgt dafuer, dass sie keine anderen Kinder niedermachen. Lehrt keine Verteidigungsstrategien zum Schutz vor Mobbing, sondern bringt ihnen bei, nicht zu mobben. Das faengt bei kleinen Dingen wie dem taeglich tausendfach haemisch gerufenen “Streber” an und hoert bei Schlaegen, Tritten und Selbstmorden auf.
Und wenn ihr keine Kinder habt: Achtet auf euch selbst und euer Verhalten. Respektiert andere. Respektiert Anders-Sein und Leistung anderer.
Und wenn ihr selbst Opfer von Mobbing sein solltet, egal, wie klein und unbedeutend euch eure Situation erscheint: Sprecht darueber. Mobbing ist ein Tabu-Thema, das moegen manche bestreiten, wie sie wollen. Und wenn in eurer Klasse der siebte “Anti-Mobbing”-Tag abgehalten wird und ihr immer noch nicht das Gefuehl habt, dass irgendjemand versteht, worum es geht: Schreibt mir. Es klingt daemlich, aber manchmal hilft es schon, einfach darueber zu sprechen. Ich verspreche euch, ich schweige stiller als schweigepflichtige Aerzte in Krimiserien. Und davon mal abgesehen gibt es wahnsinnig viele Anlaufstellen, die sich damit befassen. Es ist keine Schande, “Mobbing Hotline” zu googlen und dort tatsaechlich auch anzurufen.
Lasst uns darueber reden, was Mobbing wirklich ist - damit solche furchtbaren Kommentare wie die, die all diese Gedanken erst ausgeloest haben, hoffentlich irgendwann nicht mehr geschrieben werden.

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There hasn’t been a “rant”-post of mine in quite some time now, but some days ago, I read a couple of comments on facebook that appeared so digusting and ignorant to me that I just had to say something about the issue. The comments I’m talking about were in fact talking about mobbing, which is, in my opinion, a “trend”-word that is being thrown around much too easily these days. Still: As long as it is not about spoiled, eight-year-old brats feeling “mobbed” by their teacher because they give them an “unfair” grade (meaning not an A, which they don’t really deserve in the first place), mobbing is a very serious problem. The people making the comments in the so-called “social” network thought of that differently. In their expressed opinion, mobbing was the deserved punishment for people whose self-esteem was too low and who literally put themselves in the role of the victim.

I personally almost did two things when I read those cold, ignorant words: I first almost laughed and then almost cried. The topic of mobbing gets to me, because, let’s be honest here, I’ve been in situations in my scholar career that you could totally refer to as mobbing and I know a lot of people who’ve been through similar situations. I don’t know about you, but I would describe myself as a very confident and, in most situations, outgoing person. It’s been like that as long as I can remember, I’ve always been the one with the big mouth who had to knock on the door of the staffroom in school when the others didn’t have the courage to. I never was the most popular girl of my school, but I always had a group of friends around me and got along well with everybody.
Why I am telling you this, you ask? Well, because that situation changed when I, still a big-mouthed and extroverted girl, got to grade seven. Why? Well, because I had skipped sixth grade. Some people in my new class thought of that as just a tad too nerdy and told everybody else from the start, without even having spoken to or met me, that I was arrogant, strange, unfriendly. Very strangely, the atmosphere in my new class was not as open and accepting as I thought it would be because of that and it took me a pretty long time to get comfortable and find friends there.
I’m not telling you this to get the “sad-story-joker” in some TV-show, but because I want to make two things very, very clear: Firstly, everybody, literally everybody can get into a situation like mine, in which prejudices and certain group-dynamics play the leading roles. That has nothing, nothing to do with them choosing the role of the victim. A lot of people that I can gladly call my friends today have told me that they actually wanted to get on my side in that situation, but were scared to get into the negative focus of the whole class themselves. Well, that’s quite unheard of, isn’t it, group-dynamics and things like that happening in mobbing. Things you really can influence incredibly well as a single person! (For people ignorant enough to write comments like those mentioned in the beginning: THAT WAS IRONY!) Now I have to ask myself some things: Is it my fault, that there was a pre-fixed general opinion about me and, without me having done one thing, a certain situation in that class? Was I responsible for my own “bad luck” because I made the decision of getting out of a class that was just not challenging me at all, which I refuse to regret to this day? No, and that it the second point that I HAVE to address: Way too many people are faced with mobbing because they are different and yes, I am saying that now, after speaking of myself, pardon me, special. A lot of great artists, entrepreneurs, authors etc. were bullied in school because they were “different”. How were they different? My thesis is: They stood out from the crowd because of a special talent.
How often is the term “nerd” used in schools these days? Why does it have such a negative sound? Why are people doing great things being degraded like this? The word “nerd”, but even more the culture behind it make me angry. So angry, I can’t even tell you.
My brother, who is also a pretty confident and sharp-tongued guy, hears that word now just as often as I did when I was still in school. And everytime he talks about it at lunch, I want to tell everybody using it all of this. Because I think they should hear it. Because I think that they’re not aware of how incredibly two-faced their behavior is. What kind of culture rewards achievements and success with such negativity while, at the same time, asking for more and more of them? Maybe a random “nerd” doesn’t always count as mobbing, surely you always have to “get over it”. But why do kids that haven’t done anything “negative” have to “get over” such negative comments? I don’t think that is right.
I think it is horrible how everybody always calls “mobbing” and arranges parents’ meetings for everything, but in cases like I just described them, the ultimate tactic is to “get over it”. “Getting over it”, not “putting yourself in the victim’s role” – why do people have to do that only because they’re good at something? Because “that’s what kids are like”? Because “kids are cruel”?
Let me ask you one question: Why do we accept cruel children instead of raising them right? I was taught very, very early that it was okay for others to win, too and that I didn’t have to flip the table everytime somebody else won at my favorite boardgame. Is it really that hard, seemingly impossible, to teach kids that others achieving something is also a positive thing?
“But they are just kids…” I hear you say. Yes, they are kids and they’re also slowly but surely killing their fellow students. Because whether you want to see it or not: Mobbing kills people. It kills them with every smile they have to fake everyday while they’re crying inside because they feel like they can’t talk to anyone about it. And how are they supposed to speak up in a culture, that generally sees being mobbed as a weakness, an imperfection, as a fault of the victim? How is anybody supposed to find the courage to say: “Hey, I am feeling goddamn horrible because I am being degraded, insulted, attacked physically and psychologically on a daily basis.”
Believe me, I am speaking from experience when I tell you that a lot of people believe that they have to put up with it on their own, that they have to “get over it”. As if it was their own fault. Pulling somebody into the “fight” on your side counts as weakness, as ratting, as an indirect capitulation.
And still, people are shocked when another victim of mobbing jumps off a bridge.
I don’t get it.
Why keep up this culture that is not only completely asocial but also life-threatening? Why accept the fact that, in a so often called “achievement-oriented society”, achievements are indirectly punished?
Mobbing is not a small an especially not an individual problem. Even though every situation sure is different, there’s one thing that always applies:
Don’t teach your kids to “get over it” first, but make sure they don’t bring other kids down. Don’t teach them defense-strategies against mobbing, but teach them not to mob. That starts with small things like the daily-called out “nerd and ends with hitting, kicking and suicides.
And if you don’t have children: Watch your own behavior. Respect others. Respect being different and achievements.
And if you’re a victim of mobbing yourself, no matter how small and unimportant your situation might appear to yourself: Speak up about it. Mobbing is still a taboo topic, even if some people may negotiate that as much as they want to. And if your class is having the seventh “Anti mobbing day” in a row and you still don’t think that anybody understands what it’s really all about: Write to me. It might sound stupid, but sometimes it can already help to talk about it. I promise you, I’ll keep your story secret better than any doctor in a police TV-series. Apart from that, there are incredibly many instances you can consider. It’s not a a bad thing if you google “mobbing hotline” and really call that number.
Let’s speak up about what mobbing really is – so hopefully some day, there aren’t going to be any comments like the one that sparked all these thoughts.

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