#

Pegida, du Arsch! oder Von Fischbrötchen, Schweinshaxen und Döner

Jan 27, 2015

Ein voller S-Bahn-Waggon in Hamburgs Innenstadt. Zwei Fahrkartenkontrolleure steigen ein. Einer von ihnen sagt “Mit dir fangen wir gleich mal an, Freundchen!”, und geht ohne Zögern auf den einzigen Schwarzen im Waggon zu. Unbehagliches Schweigen, gedrehte Köpfe. Der Kontrolleur grinst und packt den jungen Mann an der Jacke.

Ein paar Tage später bezeichnet Lutz Bachmann Flüchtlinge als “Viehzeug” und seine Anhänger gehen gegen die “Islamisierung des Abendlandes” auf die Straßen. Pegida und Hogesa machen das mit arabisch oder “ausländisch” aussehenden Menschen, was besagter Fahrkartenkontrolleur mit Dunkelhäutigen macht: Sie isolieren und dämonisieren sie.
Ja, auf ihren Bannern steht etwas anderes, aber das ist doppelzüngiger Scheißdreck. Es macht mir Angst und es macht mich wütend, zu sehen und zu hören, wie über Menschen, die nicht christlich, blond und blauäugig sind, geurteilt wird, als seien sie durch die Bank Terroristen. Pegida hat kein Problem mit Islamisierung, sondern mit Moslems oder, sagen wir es doch gleich, “den Türken”. Pegida hat wahrscheinlich nicht mal ein Problem mit dem Islam, sondern mit Unsicherheit. Und Unsicherheit ist leider das, was im Umgang mit Menschen, die nicht “typisch deutsch” sind, häufig dominiert.
Deutschland hat ein historisches Problem mit Randgruppen, was eigentlich ganz witzig ist, weil “Deutschland” an sich bis 1914 ausschließlich aus “Randgruppen” bzw. einzelnen Kleinvölkern mit eigenen Traditionen und Kulturen bestand. Aber sind Bayern deswegen deutscher als Berliner? Diese Frage ist einer der wichtigsten Punkte, wenn man die “deutsche” Unsicherheit gegenüber Andersartigen verstehen möchte. Pegida ist “gegen die Islamisierung des Abendlandes” oder, wenn wir ehrlich sind, “gegen diese ganzen Türken die sich hier mit ihren Moscheen breit machen”. Aber eigentlich sagt dieses “Dagegen” noch etwas ganz anderes aus: Diese Menschen sehen ihre “abendländische” respektive “deutsche” Kultur bedroht. Aber was zum Geier ist denn eigentlich deutsche Kultur? Schweinshaxen? Fischbrötchen? Christentum?
Diese Frage werden verschiedene Deutsche aus verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen komplett unterschiedlich beantworten und das ist auch ganz logisch. Wo viele Kleinkulturen plötzlich unter ein Dach gepackt wurden, da gibt es sie nicht, die “eine” Kultur. Weinfeste sind im Süden beliebt und im Norden komplett unbekannt und wenn Pfälzer mit Hamburgern Platt schnacken sollten, gäbe das wohl eine Katastrophe. Deutsche Kultur war schon immer eine Patchworkdecke aus den verschiedensten Einflüssen und Traditionen, weswegen es eigentlich verwundern müsste, warum für einen Einfluss mehr aka “diese blöden Türken mit ihren Moscheen” plötzlich kein Platz mehr sein sollte. Und komme mir jetzt niemand mit “Aber das ist doch was anderes, das sind schließlich Ausländer!” In meiner Heimatregion gibt es dermaßen viele französische Einflüsse, dass diese Aussage sich quasi selbst ad absurdum führt. Man entferne aus dem pfälzischen Dialekt mal bitte alle ursprünglich französischen Wörter und behaupte dann noch, ausländische Einflüsse würden der “deutschen” Kultur schaden. Das ist Schwachsinn. Und insgeheim wissen die Vollhammel von Pegida und ähnlichen Idiotenvereinen mit ähnlich bekloppten Akronymen das auch. Aber warum den Fakten glauben, warum an der Wurzel des Problems arbeiten?

“Nazis essen heimlich Döner” ist einer meiner liebsten Stickersprüche und er passt ausgesprochen gut zu diesem Problem. Mit einzelnen Ausländern haben solche Abendland-Liebhaber überhaupt kein Problem. Mit einzelnen ausländischen Einflüssen wahrscheinlich auch nicht, denn was wäre Deutschland bitte ohne Döner? Ich rufe nicht “Nie wieder Deutschland”, denn ich mag dieses Land. Wir haben Döner. Das Zeug wurde hier erfunden. Wir haben türkische und asiatische Supermärkte und REWE, was verdammt super ist. Wir haben eine richtig schwere, aber so schöne Sprache, wenn man zu mehr als “Ahu, ahu!” in der Lage ist. Wir haben eine Kanzlerin, und auf die bin ich dieser Tage stolz. Sie sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, und davor ziehe ich meinen Hut. Sie hat recht, und jeder, der in seinem Leben mit einem “normalen” deutschen Moslem zu tun hatte, würde wohl den Teufel tun und ihr widersprechen. Jemand, der statt eines dumpfen Terroristen-Feindbilds zum Beispiel meinen muslimischen Studienkollegen vor Augen hat, der seine eigene Buchreihe schreibt. Auf deutsch. Und ich habe sie (noch) nicht gelesen, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass darin nicht die “Islamisierung des Abendlandes” gepriesen wird. Darum geht es den allermeisten Muslimen auch nicht
Und Pegida erst recht nicht.
Die “Lügenpresse” und generell die Politik: Das sind die eigentlichen Pegida-Endgegner. Das Gefühl, irgendwie vergessen worden zu sein, zu wenig abzubekommen vom riesigen Kulturkuchen Deutschland, das ist es doch, was viele dieser Bürger bei solch absurden Veranstaltungen auf die Straßen treibt. Randgruppen sind prinzipiell meistens nicht schuld an den Dingen, derer solche enttäuschten Menschen sie bezichtigen. Aber sie sind ein leichtes Ziel. Und das macht Rassismus so absurd. Natürlich ist es leichter, Klischees zu glauben. “Die blöden Flüchtlinge nehmen mir meine Arbeit weg!”, sagt sich einfacher als “Ich komme mit dem sich rapide verändernden Arbeitsmarkt einfach nicht mehr mit…”. “Die Muslime sind schuld!”, geht leichter von den Lippen als eine detaillierte Betrachtung aller Faktoren, die die momentane Situation vieler Menschen bedingen. “Die Juden haben die Brunnen vergiftet!” ist eine schnellere Lösung als die wissenschaftliche Erklärung für eine Krankheit zu finden. Wir als Menschen wollen so gerne einfache Lösungen für alle Probleme, aber wer ein wenig in einem Geschichtsbuch blättert, wird bemerken, dass einfach nicht so einfach ist.
Menschen zum Sündenbock zu machen, weil sie einer bestimmten Religion angehören, ist einfach. Aber es ist nicht annähernd das, was der Realität entspricht. Oder einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema. Es gibt muslimische Terroristen genauso wie christliche Amokläufer. Bei letzteren schaut nur niemand auf die Religion. Und das ist nicht okay. Das isoliert eine Minderheit, die für die Charlie Hebdo-Täter genauso wenig verantwortlich ist wie das Christentum für Anders Breivik. Religiöser Fanatismus hat nichts mit Religion zu tun. Er hat mit Hass zu tun. Und wenn tausende Montagsdemonstranten ihre Unsicherheit in Hass auf eine Minderheit umleiten, dann ist das vielleicht einfach, aber es ist auch gefährlich.
Lasst uns nicht den einfachen Weg nehmen. Der ist meistens sowieso eine Sackgasse. Lasst uns die “Ich habe ja nichts gegen…“-Argumente überdenken und uns fragen, was eigentlich jemand, gegen den wir ja eigentlich nichts haben, von solchen Argumenten denken muss. Lasst uns bunt sein und Flickenteppich-Deutschland feiern - mit Currywurst und Köfte! Nehmt meine Fuchsliebe mit und verteilt sie an die Leute, die sie verdienen! Und spuckt Rassisten einmal feste ins Gesicht!

P.S.: Wenn ihr wirklich Menschen anspuckt, hafte ich für nichts. Ich applaudiere euch aber still!
P.P.S.: Der junge Mann vom Anfang hatte scheinbar leider wirklich kein Ticket. Das entschuldigt aber nicht das rassistische, respektlose Verhalten des Kontrolleurs.
P.P.P.S.: Schreibt mir doch mal eure schönste, bereichernste, multikulturellste Geschichte aus Deutschland und der Welt in die Kommentare! Für mehr Liebe und weniger Rassistenmüll! Petting statt Pegida!
P.P.P.P.S.: Meine Mutti behauptet ja, dass die meisten weder Petting noch Pegida richtig erklären könnten. Beweist mir mal das Gegenteil! Die beste Erklärung kriegt ein Döner-Date mit mir!

Related Posts

#

Eine Begegnung am Wahltag

Ich sitze in der Bahn nach Hause. Habe viel getrunken, wenig geschlafen und der Handyakku ist leer. Meine Eltern gehen gerade wahrscheinlich wählen, ich fahre von der Abschiedsfeier eines Freundes nach Hause. Er wird nach Dublin ziehen, hat dort einen Job bekommen. Ich freue mich... Read more!

#

#dearme - Was ich mir dringend mal sagen musste.

Hallo **ich** - oder **du**. Mir - dir - uns geht es gerade wahnsinnig gut. Fantastische Freunde, wunderbare Parties, sich erfüllende Wünsche und Liebe, Liebe, Liebe. Von mir für ganz viele Menschen, Dinge und Begebenheiten. Reflektierend und zwischen allen herumspiegelnd wie in einem Prisma. Liebe... Read more!

#

Ich muss das nicht

Manchmal frage ich mich, ob mich zu viele Dinge stören. Ob ich zu viele Ficks gebe. Ob ich eigentlich meine eigenen Stresslevels durch extrem viel Ärger über Dinge, die ich nicht ändern kann, permanent hoch halte. Ich müsste das doch nicht. Oder? Kürzlich ging ich... Read more!