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Mein Date mit einem Kopfdoktoren

Jan 24, 2015

Gestern saß ich zum ersten Mal auf der Couch eines Psychologen und es war super. Ich saß nicht nur auf seiner Couch, ich habe auch mit ihm über meine Gefühle gesprochen. Und ich wollte das sogar.
Normalerweise bin ich nicht das Mädchen, das pausenlos über ihre Gefühle und Probleme redet, ist ja nicht gerade das lustigste oder unterhaltsamste Thema. Und nerven will/soll man damit ja auch niemanden. Aber oh, glaubt mir, wie ich geredet habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich in einer Stunde einem komplett fremden Menschen so viele Dinge über mich erzählen könnte, die ich mir bisher nicht einmal selbst eingestanden hatte. Habe ich aber. Außerdem geheult, gelacht, Aha-Momente en masse gehabt, Atemübungen gemacht und generell aufgeatmet. Ihr werdet jetzt entweder lachen oder das verstehen, aber ich hatte eine Heidenangst davor, zu diesem Termin zu gehen. Alleine ihn zu machen hat mehrere Monate gedauert.
“Was, wenn die Leute dort richtig böse sind?”
“Was, wenn sie mich auslachen, weil ich mir einbilde, wegen solcher Nichtigkeiten psychologische Hilfe zu brauchen?!”
“Was, wenn ich eigentlich gar keine Probleme habe?!”
“Was, wenn ich richtig schlimmer Probleme habe?!”
“Was, wenn…?!”
Ja, ich hatte verdammt große Angst. Aber alle “Was, wenn?”-Gedanken verflüchtigten sich, als ich das Zimmer be- und dem Psychologen gegenüber trat. Ich weiß nicht, ob das Teil der Berufsqualifikation für Seelendoktoren ist, aber mein persönliches Exemplar hatte eine dermaßen beruhigende Ausstrahlung und eine so ruhige Art, zu sprechen, dass ich mich sofort wohl fühlte. Sicher.
Er bat mich, ihm noch einmal zu erzählen, was ich ihm in meiner Mail bereits geschrieben hatte, und der Damm war gebrochen. Es war fast bizarr, wie schnell ich ihm meine größten Sorgen und Ängste erzählte. Ich kannte den Mann vielleicht ein paar Minuten, da kannte er mich schon besser als ich mich selbst. Ja, ich weiß, dass das sein Beruf ist, aber es zu erleben ist noch einmal etwas ganz anderes.
Es wird hier jetzt keine detaillierte Liste mit allem geben, worüber wir gesprochen haben, nur so viel: Zu Beginn des Gesprächs saß ich hektisch auf der Sofakante. Am Ende bat er mich, mich doch einmal anzulehnen. Und ich habe es gemacht.
Und ich kann jedem nur empfehlen, es auch zu machen. Ich bin sicher kein Fall für die Psychiatrie, aber ich bin zum Psychologen gegangen und es hat mir geholfen. Was absurd ist, weil ich diese Zeilen nach meiner allerersten Sitzung schreibe. Bisher habe ich als konkrete Ergebnisse folgendes vorzuweisen:

Nicht viel, wenn man die materielle Ebene betrachtet, was? Obwohl, ich könnte natürlich noch die achtundzwanzig Tonnen Gestein, die mir vom Herzen gekullert sind, aufführen. Aber irgendwie sind die ja auch eher metaphorisch. Der Punkt ist: Ich bin so unheimlich erleichtert. Es ist eine Sache, Probleme mit Freunden zu besprechen oder sich seinen Teil dazu zu denken. Es ist eine ganz andere Sache, mit jemandem zu sprechen, der dafür ausgebildet ist, solche Probleme zu lösen. Ich rede nicht von Matheproblemen, sondern von Kopfproblemen. Von Herzproblemen. Euer Liebeskummer soll kein Grund sein, zum Psychologen zu gehen? Das bisschen Prüfungsstress auch nicht? Ach, alles halb so wild?
Think again.
Natürlich, “never change a winning team”, wie mir auch mein Berater sagte, aber wenn ihr ein Problem mit irgendetwas habt, versucht es doch zu lösen! Und manchmal geht das einfach nicht alleine. Manchmal braucht man jemanden, der einen dabei an die Hand nimmt. Dafür gibt es diese Menschen.
Zum Psychologen zu gehen hat nichts mit “verrückt sein” zu tun. Es hat damit zu tun, Dinge zu ändern, die stören, Probleme zu erkennen, die verborgen waren, sie zu lösen - und glücklicher zu sein. Wir wollen doch alle glücklich sein, nicht immer, aber doch so oft es geht, oder?
Ich bin glücklich. Glücklich, dass ich mich getraut habe und mir jetzt helfen lasse. Dabei, das auch alleine zu können, dieses Glücklich-Sein.

Ich war übrigens bei der psychologischen Beratung meiner Uni, wenn ihr ebenfalls studiert, gibt es sowas bei euch bestimmt auch. Das Angebot ist kostenlos und wirklich einfach in Anspruch zu nehmen. Es ist außerdem komplett vertraulich. Für alle Nicht-Studierenden gibt es solche Angebote hier in Hamburg beispielsweise von der Diakonie. Außerdem existieren die verschiedensten Telefon- und Web-Angebote, das Richtige für jede und jeden zu finden ist hierbei dank Google sehr viel einfacher als man denken könnte! Ich kann es euch nur raten: Wenn ihr das Gefühl habt, dass es euch helfen könnte - nehmt diese Angebote in Anspruch! Es ist nicht schlimm! Tut auch nicht weh! Indianerehrenwort und Fuchsliebe!

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