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Ich muss das nicht

Aug 5, 2015

Manchmal frage ich mich, ob mich zu viele Dinge stören. Ob ich zu viele Ficks gebe. Ob ich eigentlich meine eigenen Stresslevels durch extrem viel Ärger über Dinge, die ich nicht ändern kann, permanent hoch halte. Ich müsste das doch nicht. Oder?

Kürzlich ging ich mit einem Freund und einer Freundin tanzen.
Was mich schon wieder ärgert, ist, dass ich für die Verständlichkeit dieser Geschichte erst einmal erklären muss, dass besagte Freundin transsexuell ist. Ich könnte jetzt noch erklären, in welchem Stadium der Transformation sie sich momentan befindet, welches Makeup sie trug, welche Kleidung etc. pp., aber das werde ich nicht. Es geht mir so dermaßen gegen den Strich, dass das überhaupt eine Rolle spielt, dass ich es nicht erklären möchte.
Wir waren also tanzen.
Ich kam nicht umhin, zu bemerken, wie wunderschön meine Freundin aussah. Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf: “Niemals würde ich diese Person als etwas anderes sehen, als eine wunderschöne, elegante, stilsichere junge Frau.” Und mir wurde klar, wie stolz ich auf sie bin. Wie sehr sie immer mehr auch äußerlich zu dem wird, was sie wirklich ist. Nie sah sie so schön und selbstsicher aus wie unter den tanzenden Lichtern, zwischen tanzenden Männern, die sie bewundernd, manchmal auch gierig, betrachteten. Keine abwertenden Blicke, keine Zweifel. Ich weiß noch, dass mir das auffiel. Der DJ samplete Lady Gaga und wir freuten uns. Und tanzten.

Ich müsste all das nicht erzählen, aber es hilft vielleicht dabei, zu verstehen, wieso ich so wütend bin. Wieso das, was dann passierte, mich so unglaublich wütend machte und immer noch macht.
Es war spät geworden, vielleicht eher früh, und wir mussten zur Bahn. Noch ein wenig Zeit, darum zum Fast-Food-Restaurants unseres Vertrauens, um die leergetanzten Speicher wieder etwas aufzufüllen. Warteschlangen aus angetrunkenen Wochenendkriegern, wir dazwischen. Immer noch ein wenig euphorisiert von Tanz und einem makellosen Abend. Plötzlich ein Ruf, zwei Reihen weiter.
“Schwuchtel!”
Und ich wusste, jemand hatte es geschafft. Jemand hatte es geschafft, unseren großartigen Abend zu beschmutzen mit seiner Ignoranz. Noch bevor ich mich umgedreht und in sein lachendes Gesicht gesehen hatte, wusste ich, wen er gemeint hatte.
“Ja, ich hab’ ihn gemeint!”, rief er in mein fassungsloses Gesicht und zeigte auf meine Freundin.
Auf die Freundin, die noch gar nicht so lange die weiblichen statt der männlichen Pronomina verwendet. Die meine eigene Mutter ab und an noch mit dem falschen Namen bezeichnet. Aber meiner Mutter möchte ich deswegen nicht ins Gesicht spucken oder irgendwie Schmerzen zufügen. Meine Mutter weiß es nicht besser - und sie gibt sich Mühe. Das müsste sie nicht, einfacher wäre es, die bewusste Entscheidung meiner Freundin einfach zu ignorieren und sie weiter als Mann anzusehen. Das wäre nicht nett.
Aber muss ich mich denn darüber aufregen, wenn Menschen nicht nett sind? Muss ich so wütend werden, dass ich das physische Bedürfnis habe, einen anderen Menschen zu verletzen? Dieser Junge in der Warteschlange, wusste er es nicht einfach nicht besser?
Nein. Nein, sonst wäre die Situation anders verlaufen. Er hätte vielleicht geschaut, das passiert immer wieder, wenn wir miteinander unterwegs sind, vielleicht hätte er sogar den Mumm aufgebracht und hätte meine Freundin Dinge gefragt wie “Boah krass, seit wann machst du das?” oder “Und wie ist das jetzt genau? Du bist ein Typ aber willst eine Frau sein?” Solche Fragen sind zwar auch nicht das Gelbe vom Ei, denn nur, weil jemand “anders” ist, muss er oder sie nicht permanent Auskunft über sein/ihr Privatleben geben. Aber solche Fragen sind zumindest eins: Keine absichtliche Beleidung oder Verletzung. Menschen, die solche Fragen stellen, hatten vielleicht in ihrem Leben noch nie etwas mit einer transsexuellen Person zu tun und wissen es nicht besser.
Der Junge, der mich so wütend macht, wusste es besser. Mag sein, dass er wenig Kontakt zu Transsexuellen hat (Was man schon daran erkennen könnte, dass Homo- und Transsexualität zwei Paar Schuhe sind. Dämlicher Idiot.) und nicht weiß, wie er mit so viel gelebter Selbstverwirklichung umgehen soll. Aber das ist seine Sache. Er muss das nicht an die Öffentlichkeit tragen. Er muss nicht aktiv jemanden beleidigen. Er muss nicht jemandes Abend für einen kurzen Moment versauen.
Und ja, darüber MUSS ich wütend werden. Denn wem ist gedient, wenn ich sage “Nicht mein Bier!”, und das einfach ignoriere? So würde ich sein Verhalten indirekt billigen. Letztes Semester hatte ich ein Seminar zum Thema “Holocaust und Theater”, in dem wir uns viel mit Zuschauer-, Opfer- und Täterrollen befassten. Häufig, gerade im Zusammenhang mit offener Diskriminierung, lassen Zuschauer- und Täterrolle sich nicht klar trennen. Wer nichts unternimmt, lässt Unrecht geschehen, auch wenn er aktiv keines begeht. Also werde ich wütend und frage den Vollidioten aus der Reihe neben uns, ob das eigentlich sein verdammter Ernst ist. Er lacht.

Ich bereue immer noch, ihm keine geknallt zu haben, aber vielleicht ist es besser so. Er hat meine Freundin verletzt und das macht mich wütend. Es macht mich vor allem wütend, weil er nicht der einzige ist, der so auf sie reagiert. Aber Feuer mit Feuer zu bekämpfen funktioniert selten. Ich weiß, dass ich nicht alle ignoranten Vollidioten ohrfeigen, geschweige denn bekehren kann, aber ich kann andere darauf aufmerksam machen.

Ihr müsst Menschen, die nicht so sind wie ihr, nicht anders behandeln. Vor allem müsst ihr sie nicht aktiv verletzen und diskriminieren. Und wenn ihr das doch tut, dann trefft ihr eine bewusste Entscheidung. Die bewusste Entscheidung, euch wie ein Arschloch zu verhalten. Und das macht mich wütend. Und das muss es auch machen.
Fuchsliebe an alle, die sich nicht wie Arschlöcher verhalten und an meine Freunde. Ihr seid super.

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