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Eine Begegnung am Wahltag

Mar 13, 2016

Ich sitze in der Bahn nach Hause. Habe viel getrunken, wenig geschlafen und der Handyakku ist leer. Meine Eltern gehen gerade wahrscheinlich wählen, ich fahre von der Abschiedsfeier eines Freundes nach Hause. Er wird nach Dublin ziehen, hat dort einen Job bekommen. Ich freue mich sehr für ihn. Dass er das einfach so machen kann, begeistert mich.
Im Vierer sitzt mir ein junger Mann gegenüber. Ich bemerke das vor allem, weil mein Handyakku leer ist und ich deshalb ausgiebig Leute gucken kann. Der junge Mann hat ein kleines, gelbes Buch in der Hand. Es ist ein Wörterbuch. Mit einem Bleistift schreibt er konzentriert immer wieder etwas hinein und ich frage mich, welche Sprache er wohl lernt. Er beantwortet mir diese Frage, indem er aufschaut und mir das Buch hinhält.
“Entschuldigung, ich habe eine Frage: Wie heißt das? Ansehen?”
Ich bin ein wenig erstaunt über diese direkte aber unaufdringliche Kontaktaufnahme. Seine Stimme ist leise und ich verstehe ihn zuerst nicht. Er zeigt auf ein Wort in seinem Wörterbuch und ich folge seinem Finger: “An-se-hen”. Daneben eine Übersetzung in einer Schrift, die ich nicht lesen kann.
“Yes, it’s pronounced ‘an-se-hen’”, antworte ich automatisch auf Englisch und spreche extra deutlich, weil ich mir nicht sicher bin, wie gut er mich und mein Rasseldeutsch versteht. Er antwortet auf deutsch, ahmt meine Aussprache des Wortes sorgfältig nach und fragt dann: “Richtig?”
Ich muss unweigerlich lächeln. Dieser Mann ist mir sympathisch. Ich nicke und sage ihm, dass er mich gerne fragen soll, wenn er sich bei einem Wort nicht sicher ist. Er freut sich und nickt, bedankt sich. Dann vertieft er sich wieder in sein gelbes Büchlein, ich schaue aus dem Fenster.
Nach einigen Momenten wandert sein Büchlein jedoch wieder in mein Sichtfeld.
“Sorry, wie heißt das hier… Ans-schrift?”, fragt er mich.
Seine Aussprache des “sch” ist vollkommen undeutsch und sehr weich. Ich muss lachen, weil er sich natürlich ein Wort mit den wohl schwierigsten Lauten der deutschen Sprache ausgesucht hat. Im ersten Semester habe ich in der Uni gelernt, wie schwierig solche Anhäufungen von Konsonanten für Deutsch als Fremdsprache-Lernende sind. Ich lache. “Oh, das ist aber wirklich schwer. Anschrift sagt man so”, erkläre ich und betone das “schr” dabei besonders. Nach einigen Anläufen hat der junge Mann die Aussprache raus.
“Was bedeutet das?”, fragt er. “Ist Anschrift, wo man wohnt? Also wie Adresse?” “Ja!” Ich bin regelrecht begeistert. Deutsch lernen in freier Laufbahn. Die Linguistin in mir ist hochgradig fasziniert.
“Ich bin vor sieben Monaten nach Deutschland gekommen”, erklärt der junge Mann mit dem Büchlein. Das beeindruckt mich und ich lasse mich zu einem klischeehaften, aber wahren Satz hinreißen: “Dafür ist dein Deutsch total super!”
Er freut sich, sagt danke. Erklärt, dass er mit dem Buch Deutsch lernt, lernen muss. “Wiederholen, wiederholen, wiederholen”, lacht er und tippt sich mit seinem Bleistift an die Stirn. “Hier steht alles auf Deutsch und dann auf Persisch, wie die Aussprache geht”, erklärt er mir und zeigt auf die entsprechenden Worte im Wörterbuch. “Aber das stimmt nicht auf Persisch, das ist nicht wie deutsch.” Das demonstriert er, indem er “Anschrift” einmal so ausspricht, wie es in seinem Buch steht, und so, wie er es gerade von mir erfragt hat.
“In welche Schule gehst du?”, fragt er mich.
Als ich ihm erkläre, dass ich an der Uni hier Deutsch studiere, grinst er. Nach einigen Worten fragt er mich noch, bis er sagt: “Das ist hier Eidelstedt, oder? Hier muss ich raus, besuche einen Kollegen! Danke nochmal!”
Ich verabschiede ihn und bleibe lächelnd zurück. Einerseits, weil meine innere Deutschstudentin es super findet, dass er “Kollege” sagt, das ist so umgangssprachlich. Also nicht nur Deutsch aus dem Wörterbuch, sondern Deutsch aus freier Wildbahn.
Andererseits, weil das eine der angenehmsten Begegnungen war, die ich in der Bahn seit langem hatte. Mit einem jungen Mann, der einfach nur ein paar ehrliche Fragen hatte. Kein betrunkener Pöbelaffe, kein sexistischer Widerling, sondern ein Mensch, der eine simple Konversation suchte.
Ich frage mich, ob er weiß, wie besonders ich das finde. Sich zu einer Frau zu setzen, ohne sie dumm von der Seite anzumachen. Ein Mädchen anzusprechen, ohne unangenehme Hintergedanken. Vielleicht ist das für ihn “normal”. Ich frage mich, ob er weiß, dass sein schwarzes Haar, seine Olivhaut und sein Wörterbuch ihn bei vielen Menschen unter Generalverdacht stellen, genau so ein Widerling zu sein, wie ich sie so oft erlebe. Ich hoffe, dass er mehr Menschen in der Bahn anspricht und sie fragt, wie man deutsche Wörter richtig ausspricht. Ich hoffe, dass diese Menschen ihm antworten, sich auf ihn einlassen, sich freuen, zu helfen. Ich hoffe, dass er nicht irgendwann Angst bekommt, das zu tun. Dass mehr Menschen verstehen, dass seine Herkunft egal ist und er die gleiche Sprache spricht wie sie - oder es zumindest versucht.
Ich hoffe, dass Menschen das sehen, erkennen und entsprechend handeln. Vielleicht nach genau so einer Begegnung wie dieser.

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