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Die Startup-Blase

Jan 4, 2015

Ihr kennt mich: Ich bin Internet- und #neuland-Enthusiastin mit Herz und Seele. Aber bei manchen Dingen muss sogar ich den Zeigefinger und die Angie-Mundwinkel auspacken und einen fragenden Blick aufsetzen.
In der Oberstufe hatte ich Geschichte als Leistungskurs. (Wenn es das bei euch nicht gibt, weil das deutsche Schulsystem ein Trümmerhaufen ist: Ein Leistungskurs wird im Vergleich zum Grundkurs mit 5 statt 3 Wochenstunden unterrichtet und ist durchgehend abiturrelevant.) Ich kann mir heute vielleicht immer noch keine Jahreszahlen merken, aber ich kann Muster erkennen. Das ist manchmal belustigend, zum Beispiel, wenn sich Menschen heute genauso negativ über das Internet äußern und es als Teufelszeug bezeichnen, wie damals bei der Erfindung des Buchdrucks gewarnt wurde, das sei ja alles ganz, ganz schrecklich verderblich. Oder wenn die Beschwerden eines alten griechischen Philosophen sich genauso lesen wie die hochbesorgten Kolumnen über “die Jugend von heute”:

“Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.” - Sokrates

Die Lieblingsbeschäftigung unseres Geschichtslehrers war es, uns solche repetitiven Ereignisse und Denkweisen aufzuzeigen.
Wem dieser ganze “Geschichte wiederholt sich nach bestimmten Mustern”-Ansatz zu marxistisch angehaucht ist, der muss nicht zwingend an diese Gesetzmäßigkeiten glauben. Aber auch ganz analytisch betrachtet sind manche Ähnlichkeiten aktueller und historischer Situationen schon fast beängstigend deutlich.

Gründen geht immer

Erinnert sich hier irgendjemand aus der Schulzeit an die Begriffe “Gründerkrise” oder “Gründerkrach”? Nein? Na, zum Glück hatte eure Füchsin Geschichte-LK.
Der Gründerkrach folgte auf das, was man heute als Gründerzeit bezeichnet, viel mehr: Er schloss diese ab. Nach der deutschen Reichsgründung 1871 waren durch Reparationszahlungen aus dem vorangegangenen Krieg gegen Frankreich und ein generell günstiges Wirtschaftsklima sowie das Aufkommen einer populären Börsenwirtschaft Firmengründungen ganz groß im Kommen. Wir sprechen nicht von vereinzelten Firmen, die Nischen bedienten oder gar eigene Märkte, sondern von dutzendfachen Dopplungen und Überlappungen. Weil sich zum Beispiel Bahnschienen gut verkauften, kamen wahnwitzig viele Menschen auf die Idee, eine Firma dafür zu gründen und - ganz wichtig - mit dieser an die Börse zu gehen. Jeder träumte vom schnellen Geld mit dem eigenen Geschäft - und für ganz kurze Zeit funktionierte das auch. Träume wurden wahr, weil die Wirtschaft nachfragte. Aber - und soviel habe sogar ich absolute Wirtschaftsidiotin verstanden - Nachfrage wird gedeckt. Und dann stehen da unter anderem dutzende Männer, die traurig schauen, weil ihre Bahnschienen sich nicht mehr verkaufen. Und diese Männer schauen nicht nur traurig, sondern müssen leider auch ihre Firma schließen. Und jetzt ratet, was 1873 in Massen, und ich meine “Weltweite-Wirtschaftskrise-die-quasi-jeden-betrifft”-Massen, geschah? Genau. Niemand kaufte mehr Bahnschienen.
Oft spricht man bei solchen Phänomenen von einer Blase, einer Wirtschaftsblase, die sich immer weiter aufbläht und irgendwann platzt. Und wenn ein Bild so schön anschaulich ist, dass sogar ich Wirtschaftidiotin es verstehe, dann ist das ein gutes Bild.

Gründen wird hip

Es ist auch ein gutes Bild dafür, was in der Startup-Szene gerade passiert. Das Tragikomische ist ja: Eigentlich sind Startup-Menschen auch Gründer. Sie klingen nur moderner. Anglizismen können den “Gründer”-Begriff vielleicht hipper machen, aber nicht ändern, was er eigentlich bedeutet: Da sind tausende junge Menschen, die Ideen haben. Junge Menschen, die selbstbestimmt arbeiten wollen, an etwas, was ihnen wirklich wichtig ist. Junge Menschen, die ihre eigenen Chefs und Chefinnen sein wollen, weil sie es können. Sie können, weil das wirtschaftliche Klima dafür gerade günstig ist. Hier in Hamburg wirbt momentan sogar die CDU (!) mit dem neuen, hippen Gründerbegriff. Eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Denn ja, es ist wahr: Facebook war ein Startup. Google war ein Startup. Vermutlich waren die meisten großen Internetseiten Startups - heute sind sie Millionenunternehmen. Ja, es gibt immer noch Menschen mit Ideen, die innerhalb kürzester Zeit wirtschaftlich und gesellschaftlich durch die Decke gehen - man schaue sich nur mal “Uber” an. Schade nur, dass all diese Startups aus den USA kommen. Wo sind also unsere deutschen Gründer? Die CDU behauptet ja, sie seien hier in Hamburg, bezeichnet die Hansestadt gar als “Gründerhauptstadt”. Ich maße mir jetzt einfach mal an, das anzuzweifeln. Die wahre Gründerhauptstadt kann nur eine sein - und das ist ganz klar Berlin. Jeder Otto, um das mal etwas informeller auszudrücken, hat in Berlin ein Startup. Gerade in der Internet- und Programming-Branche scheint es schon beinahe zum guten Ton zu gehören, ein Gründer zu sein. Klar, wenn sogar die CDU das hip findet…
Aber Spaß und Polemik beiseite: Ich kenne so viele Menschen, die ihr eigenes Startup führen, es grenzt an Lächerlichkeit. Gut, ich bin mit einem Informatiker zusammen, viele seiner Freunde sind Informatiker, gute Freunde von mir sind Informatiker… und alle haben sie ein verdammtes Startup!
Das Startup scheint bei Informatikern das geworden zu sein, was für uns Medienmenschen Praktika und Volontariate sind: Muss man einfach mal im Lebenslauf haben. Quasi ein modisches Accessoire, eine Sache des guten Tons.

Gründen - aber richtig

Und ich verstehe diese Gründer-Faszination, ich verstehe sie wirklich! Ich arbeite für ein Startup, Himmelherrgott. Ja, ich verstehe, wie spannend es sein kann, etwas von null aufzuziehen, sein eigenes Ding zu machen, quasi uneingeschränkt im kreativen Tun zu sein. Aber gehen wir doch mal nach Berlin: An jeder Ecke junge, hippe, kreative Menschen mit Startups. Die sinnvollsten und die beklopptesten Ideen nebeneinander. Ein Onlinevertriebsservice für Mops-Leckerlis oder LED-Socken? Ja klar, warum nicht?! Gibt es noch nicht, also warum sollte daraus nicht “The next big thing” werden?
Ganz einfach: Weil kein Mensch LED-Socken braucht. Ja, es ist vielleicht eine coole Idee, aber realistisch betrachtet: Wie soll sich so etwas denn jemals lohnen? Genau wie all die neuen Apps, die letztendlich nur etwas andere Abklatsche von Modellen sind, die bereits funktionieren. Seien wir ehrlich: Niemand braucht Lovoo, seit es Tinder gibt.
Der eigentliche Geist der Startup-Szene, das Umsetzen neuer, innovativer Ideen, wird erstickt unter Produkten und Ideen, die kein Mensch braucht. Das wird selbst den betreffenden Gründern spätestens dann deutlich, wenn sie nach monate-, teilweise jahrelanger Arbeit, hinter die alles andere zurücktreten muss, endlich ein fertiges Produkt haben - das allerdings niemand haben will. Investoren nicht und vor allem Kunden nicht. Wie sollen denn auch all diese Startups Erfolg haben, wenn ihre schiere Überzahl dies bereits unmöglich macht? Von all den Ideendopplungen und -diebstählen in der Branche gar nicht zu sprechen…
Obwohl ich nichts mehr bewundere, als Menschen, die mit ihren Ideen mutig nach vorn preschen und etwas produzieren, was so noch nie da war, was das Zusammenleben erleichtert, muss ich doch sagen: SO funktioniert das, glaube ich, nicht.
Innovation ist nicht in Ministerien züchtbar und Unternehmertum kein Muss auf jedem CV. Es gibt sie, die innovativen Startups und sie haben momentan großes Glück. Sie surfen auf einer Welle von Euphorie - und es wäre verdammt schade, wenn sie zusammen mit allen Mops-Versandhäusern der Welt an einem Kliff zerschellen würden. Die Euphorie ist verständlich, aber sie führt dazu, dass sich eine Blase bildet - eine Blase junger, kreativer Menschen, die ihre Energie in zum Scheitern verurteilte Projekte stecken. Das Schlimmste dabei ist: Diese riesige Startup-Masse fördert Konkurrenz unter unglaublich talentierten Jungunternehmern, die, würden sie zusammenarbeiten, die wirklichen Big Deals gemeinschaftlich erdenken könnten. Stattdessen schauen sie verächtlich auf die Startups ihrer Nebenbuhler*innen. “Das kann ja nichts werden.”
Nur bei sich selbst setzen viele diesen Maßstab scheinbar nicht an.
Was will ich also von euch? Ich will bei Weitem nicht nur die stirnrunzelnde Mutti sein, die ihrem begeisterten Kind systematisch alles ausredet, was Spaß macht. Startups sind super und die damit einhergehende Mentalität von Kreativität und Unabhängigkeit auch. Aber nur zu gründen, weil es Mode ist - das ist Schwachsinn. Die Geschichte zeigt, wohin so etwas führt.
Seid ihr überzeugt von eurer Idee? Seid ihr regelrecht besessen davon?

“It’s hard to do a really good job on anything you don’t think about in the shower.” - Paul Graham

Ihr könnt gerne alles anzweifeln, was ich bisher geschrieben habe (solltet ihr aber nicht, weil ihr genau wisst, dass ich nicht falsch liege), aber Paul Graham. Ich bitte euch, Paul Graham aka Startup-Gott aka Gründer eines der größten amerikanischen Startup-Programme Y Combinator - dieser Mann schafft es, dass sogar ich seine Essays lese und nur nicken kann. Und ich unterstelle schnell Menschen, dass sie falsch liegen. Aber Paul Graham!
Hört auf mich und hört auf diesen Mann: Wenn euch eure Idee von der morgendlichen Dusche bis abends ins Bett begleitet (falls ihr überhaupt noch ruhig schlafen könnt) - dann probiert sie aus. Selbst, wenn es ein Chihuahua-Onlineshop ist. Denn das ist die andere Seite von Startups: So unnötig eine Idee erscheinenen mag - manchmal wird genau daraus ein Riesending. Nehmt nur dies mit: Wenn ihr verzweifelt nach Ideen in euren grauen Zellen grabt und das Erstbeste nehmt, weil ihr doch einfach nur gründen wollt - lasst es sein. Wenn eure Ideen euch treiben, nicht mehr loslassen, euch gegen alle Miesepeter immer wieder ins Ohr flüstern “Tu es!” - dann tut es.

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